Erzähl mir mehr. Erzähl es mir.

Bilder einer Aufstellung

Umhergeirrt. Tagein, tagaus. Suchend die eine Lücke in der Wand. Gestoßen bin ich auf
keine, doch sie. Sie schauen mich an. Die ganze Zeit. Sie gaffen und glotzen. Ich wende mich um. Auch da starren sie mich an. Gesichter, so weit das Auge reicht, dazwischen Visagen, Fratzen, Larven und Masken. Allesamt Fassaden. Allen voran er. Er, der im Gemälde haust.
Und sie. Sie auch. Aber er. Er weiß es. Es ist wegen dir. Du bringst mich – um
den Schlaf.

Publiziert 2018: SAMMLUNG, Hsg. Christoph Kappeler / EDITION PATRICK FREY, 11/2018. ISBN: 978-3-906803-72-2

Sonntag

In ihrem weissen Negligé steht sie wieder am Fenster. Weltvergessen steht sie da – unschuldig mit ihren langen Haaren, die über ihre breiten
Schultern fallen und kurz vor ihrem handlichen Knackpo enden. Ja, gedankenverloren ist sie, denn immer dann schaut sie mit verschränkten Armen aus dem Fenster. So, als wolle sie ihre Gedanken festhalten. Als ob Gedanken entfliehen könnten.

Ich verstehe sie jetzt besser. Auch dahingehend, dass Gedanken entfliehen können. Meine unbeschwerten, glücklichen sind entflohen.
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Das mit den Farben

“Mum, warum ist Trumps Gesicht so orange?”
“Schatz, schau genau hin. Ist es wirklich Orange? Gleich einer Karotte?”
“Mmh. Nein, nicht wirklich.”
“Sieh genau hin.”
“Es ist eine Farbe zwischen…
Rot und Weiss”
“Genau, das nennt sich Rosa
Rosa, light pink, #ffb6c1”
“Fleischfarben, richtig?”
“Genau, wie das Schwein.”

Sittich – «Śpij kochany, śpij»

Der weisse Vorhang bewegt sich sanft. Mit dem Windhauch gelangen die Klänge der gegenüberliegenden Bar in dein Zimmer. Piepsen. Unbeirrt liegst du da in deinem knappen Kleidchen. Müde, doch zufrieden, schläfst du. Deine zarte Haut fast glänzend, dein Mund halb offen. Dieser Anblick. Deine lackierten Zehen, die schmalen Waden. Ich strecke meine Hand aus, sanft berühre ich deinen Schenkel. Die Lust pulsiert. Nein. Nein! Weg. Nie mogę tak dalej. Von dir. Verzeih mir. Schnell decke ich dich zu. Ich stehe auf, will raus, weg, weit, weit weg. Ich stehe auf, will raus. Noch einmal drehe ich mich um: Ooooo, Śpij kochany, śpij! Schlaf, mein Kindchen, schlaf.

Gedanken zum Lied«Śpij kochany, śpij» von Kayah & Goran Bregovic 

Gier

Mutter und Sohn bei den Hausaufgaben.
«Ich will. Du willst.»
«Er will, sie will – mmh, wir wollen.»
«Weiter?»
«Ich. Du nimmst, er nimmt, sie nimmt, ähm…»
«Wir nehmen.»
«Immer mehr, noch mehr, viel zu sehr.»